
"Mein Interesse an Mathematik hatte mein Großvater geweckt, als er mir als Kind mit Hilfe von Streichhölzern den Satz des Phythagoras „erklärte“. Wirklich verstanden hatte er ihn wahrscheinlich nicht, aber als Schreiner war er begeistert von der praktischen Anwendbarkeit dieses theoretischen Satzes.
Die Schulmathematik bestand zu dieser Zeit aus abstrakter Mengenlehre, die bei den wenigsten Kindern Begeisterungsstürme hervorgerufen haben dürfte. Bei mir auch nicht. Erst im Rahmen eines Leistungskurses in der Oberstufe wurde mein Interesse nicht zuletzt durch einen engagierten Lehrer wieder geweckt.
Da es mir in anderen Fächern ähnlich ergangen war, fiel die Entscheidung zum Studium der Mathematik nicht zwangsläufig, aber rational, um nicht materiell sagen zu müssen: Einer Zukunft als Taxifahrer, die seinerzeit vielen Magistern drohte, wollte ich entgehen.
Der Schock kam in den ersten drei Wochen: Alles war anders als noch zuletzt in der Schule. Ich fühlte mich an die Mengenlehre zurückerinnert. Vielen ging es ähnlich, und die meisten von ihnen wandten der Mathematik wieder den Rücken zu. Auch ich habe damals kurz mit diesem Gedanken gespielt, aber nachdem das Vordiplom geschafft war, und Taxifahren immer noch keine Option war, bin ich dran geblieben.
Zu einer ersten Berührung mit der „Versicherungsmathematik“ kam es bei der Wahl des Nebenfachs. Wie alle anderen Angebote, nahm ich auch dieses unter die Lupe, fand aber die endlose Deklination ellenlanger Sterbetafeln als wenig interessant.
Nach dem Studium hatte ich kaum eine Idee, wie man mit Mathematik seine Brötchen verdienen könnte.
Auf einem Kongress für Berufseinsteiger lief ich zufällig jemandem aus der Versicherung in die Arme und erhielt eine Einladung zu einem „Assessment Center“ - damals das Verfahren der Bewerberauswahl; „Hipp“ sozusagen. Allein um die Erfahrung zu machen, nahm ich an. Dass ich tatsächlich zu einer Versicherung gehen würde, war nach meinen Erlebnissen im Studium erstmal ausgeschlossen. Aber es kam, wie es kommen musste: Wer nicht sucht, der findet. Ich bekam einen Platz in einem Trainee-Programm angeboten, und konnte es mir zunächst sogar leisten dankend abzulehnen. Erst nach einigen - durchaus angenehmen - Diskussionen habe ich doch eingewilligt.
Der Konzern hatte sich damals den „Allfinanz“-Gedanken auf die Fahnen geschrieben. „Spannende Idee“, fanden meine Kollegen und ich, denn es bot uns die Gelegenheit, nicht nur eine einzelne Gesellschaft, sondern eine ganze Branche kennen zu lernen: Von der Sach- und jeder Form der Personenversicherung über die Bausparkasse bis zur Bank wurde alles abgedeckt, was in der Branche eine Rolle spielte.
In der Zeit stand die Deregulierung der Kraftfahrtversicherung vor der Tür. Ich geriet in ein konzernweites Projekt zu Tarifierungsmethoden und erlebte dort zum ersten Mal die praktische Anwendung der Mathematik in der Versicherung - sehr interessant, und damals alles andere als selbstverständlich:
An einem meiner ersten Tage bestellte der damalige Vorstandsvorsitzende mich zu sich und wollte von mir wissen, was denn ein Mathematiker in der Kompositversicherung zu suchen hätte; die gäbe es doch nur in der Lebensversicherung. Ich weiß nicht mehr, was ich ihm geantwortet habe, aber es muss ihm wohl gereicht haben, denn ich durfte bleiben. Er hingegen ging kurz danach in Rente, und damit auch sein Bild von der Mathematik in der Schadenversicherung.
Kurz darauf konnte ich erste Schritte in der Rückversicherung machen und stieß dabei schnell auf Herrn Mack, genauer gesagt: auf seine Arbeiten zur Schadenreservierung, in denen ich einmal mehr mathematische Verfahren in der praktischen Anwendung sah. Ich entschied mich dazu, die Ausbildung zum Aktuar aufzunehmen; damals noch mit „nur“ 6 Prüfungen verbunden.
Mit dem Titel in der Tasche war das „Taxirisiko“ endgültig gebannt. Danach konnte ich in leitenden Funktionen in der Erst- und Rückversicherung weitere Erfahrungen sammeln, aber was noch wichtiger ist: Kontakte.
Da ich mich meist im internationalen Umfeld der Rückversicherung bewegt habe, war es leicht, ein umfassendes Netzwerk aufzubauen. Dass ich außerdem stets engen Kontakt zu der mit Abstand wichtigsten Sparte innerhalb der Kompositversicherung gehalten habe, nämlich der Kraftfahrtversicherung, wo von Haus aus die meisten Aktuare zu finden sind, sehe ich als glücklichen Zufall an.
Heute bin ich Partner einer der „Big 4“- Gesellschaften und dort für den Bereich der aktuariellen Beratung im Segment der Nicht-Leben Versicherung zuständig.
Die Themen meiner täglichen Arbeit sind nach wie vor die klassischen aktuariellen Aufgaben der Tarifierung und der Reservierung, immer mehr jedoch auch alle Herausforderungen rund um Solvency 2 und das Risikomanagement eines Versicherungsunternehmens. Letzteres enthält sicher nicht nur aktuarielle Fragestellungen, aber in diesem Umfeld zeigt sich klar, welche zentralen Verbindungen die Aktuare mit fast allen Bereichen des Unternehmens haben. Und genau das wird mit der Einführung von Solvency 2 noch stärker zu Tage treten und die Position der Aktuare in den Unternehmen weiter festigen.
Von daher ist und bleibt der Aktuar eine Profession ohne Zukunftsängste, wenn wir weiterhin beherzigen, dass trockene Mathematik den wenigsten liegt, Mathematik in der Anwendung hingegen viele Menschen begeistert – und manch ein Aktuar steht gar in der Tradition eines Phythagoras."



