Eva Groß-Hardt

"Auch nach fast zwei Jahrzehnten im Berufsleben habe ich mit 43 Jahren Grund zur Freude, die mindestens vergleichbar ist mit dem Hochgefühl damals bei unserer Abiturfeier oder beim Abholen meiner Diplom-Urkunde: ich habe heute erfahren, dass ich meine letzte Aktuarsprüfung bestanden habe und mich bald „Aktuarin (DAV)“ nennen kann.
Was das ist? Wie’s dazu kam?
In der Schule ist mir Mathematik nie besonders schwer gefallen, die Schuljahre vergingen unspektakulär und am Ende musste ich mir wie alle anderen überlegen, was ich „später“ einmal machen möchte und womit ich meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Da ich lang und intensiv in der Jugendarbeit tätig war, dachte ich an ein Sonderpädagogik-Studium oder eben irgendwas mit Mathematik.
Nach einigem Rumfragen und bisschen Überlegen entschied ich mich dann für ein Studium der Infor-matik, ohne zu wissen, was das genau ist und was ich daraus beruflich machen kann, mir schien das zukunftsträchtiger und spannender als die „reine“ Mathematik (das war 1985, der Studiengang Infor-matik war noch relativ neu in Deutschland, Unterdisziplinen der Informatik gab’s damals noch nicht).
Der Start an der Uni Passau war dann auch schwierig: der geringe Mädchenanteil hat mich schockiert (ich hatte eine reine Mädchenschule besucht), die Computer-Cracks irritiert (ich dachte, das lernst Du nie…), verstanden habe ich auf Anhieb – anders als in der Schule – fast nichts und wie so viele meiner Kommilitonen hatte ich schon vor den ersten Semesterferien die große Sinnkrise. Ich merkte, dass ich – wenn überhaupt – lediglich eine sehr diffuse Vorstellung von einem Studium der Informatik hatte. Nach einem Jahr jobben bin ich aber dann doch wieder eingestiegen mit dem festen Willen, das Diplom zu schaffen.
Ich fing an, mich zu Hause mit dem Vorlesungsstoff zu beschäftigen und die Übungen selber zu lösen. Ich besorgte mir einen eigenen PC und schrieb erste Progrämmchen, die dann irgendwann auch funktionierten. In meinen Jobs als Werksstudentin bei kleinen Softwarehäusern und bei einem großen Konzern hatte ich diverse Aha-Erlebnisse, dass die Theorie aus den Vorlesungen ja gar keine graue Theorie ist, sondern tatsächlich notwendig ist bei der Lösung von realen Problemen mittels IT.
Es kamen noch einige Aha-Erlebnisse während der Jahre an der Uni dazu, Spaß hat’s irgendwann auch gemacht: damals waren die Apfelmännchen total „in“, auch wenn sich mir nur wenig von der Theorie der Fraktale erschloss; aufgeregt aber sehr gerne hielt ich als hilfswissenschaftliche Mitarbeiterin dann auch Übungen für die ersten Semester selber; das Programm zu meiner Diplomarbeit konnte das theoretische Modell tatsächlich verifizieren – und sehr gerne erinnere ich mich an unsere endlosen hitzigen Diskussionen über uns verwandt erscheinende philosophische Themen wie Verantwortung der Informatik, künstliche Intelligenz, Sinnhaftigkeit unserer Bemühungen ganz generell… Bei den Diplom-Prüfungen war ich selbst wahrscheinlich am meisten überrascht, was ich alles konnte.
Der Berufeinstieg als frische Diplom-Informatikerin mit Nebenfach Mathematik war nicht ganz einfach, weil zum einen ich keine Vorstellung davon hatte, was den Berufsalltag einer Informatikerin ausmacht und auf welche Jobs ich mich bewerben sollte und zum anderen auch arbeitsmarktbedingt 1992 kaum jemand eine Berufsanfängerin einstellen wollte; Trainee-Programme gab’s damals eher vereinzelt und nur selten für Techniker.
Ich war nie sehr lange beim selben Arbeitgeber, durch meine häufigen Wechsel konnte ich sowohl die unterschiedlichen Unternehmenskulturen vom kleinen Softwarehaus bis zum internationalen Beratungsunternehmen erleben wie auch die verschiedenen Aufgabengebiete und Branchen, in der eine Informatikerin tätig sein kann: Das fing an mit Softwareentwicklung bei einem mittelständischen Softwarehaus für große Arztpraxen, dann für einen internationalen Anbieter von Information Retrieval Systemen, schließlich Fachkonzeption, Kundenbetreuung und Projektleitung bei einem kleinen Beratungshaus in Projekten für Kunden aus der Betonverarbeitenden Industrie.
Da ich festgestellt hatte, dass ich nur dann eine wirklich gute Arbeit als Software-Engeneer und
-Architektin leisten kann, wenn ich die Fachlichkeit und den Kunden, dessen Problem meine Software lösen soll, verstehe, beschloss ich, mich auf eine Branche zu fokussieren: die Wahl fiel auf Finanz-dienstleister.
Nach einigen Berufsjahren in dieser Branche in Projekten im Banken- und Versicherungsumfeld so-wohl als Managerin, als Führungskraft mit Personalverantwortung wie auch mit meiner eigenen klei-nen Firma, hatte ich das Glück, als fachliche Architektin in einem Großprojekt mitzuarbeiten, in dem die Bestandsführungssysteme zur Altersvorsorge eines Versicherungsverbunds komplett neu zu bau-en waren, d.h. angefangen beim weißen Blatt Papier bis hin zu Einführung und Abnahme der Syste-me.
In diesem Langläufer-Projekt hatte ich viele Schnittstellen zur Versicherungsmathematik des Kunden und dabei wieder einmal einige Verständnisprobleme, wie viele meiner Projekt-Kollegen auch. Ich hatte jedoch verstanden, dass – falls ich da mitreden möchte, und das wollte ich – weitere Spezialisierung erforderlich ist.
So kam’s, dass ich 2005 beschloss, Versicherungsmathematik mit allem was dazu gehört von Grund auf zu lernen und die Ausbildung zur Aktuarin bei der Deutschen Aktuarsvereinigung zu absolvieren. Leicht fiel mir die Ausbildung nicht: es ist was dran, dass man mit steigendem Alter nicht mehr so leicht lernt, außerdem musste ja alles in meinem ganz normalen Arbeitsalltag Platz haben und Geld kostet das Ganze schließlich auch.
Die Kombination aus Informatik-Wissen, Projektmanagement-Erfahrung, fachlicher Spezialisierung auf (Lebens-)Versicherung und Versicherungsmathematik in einer Person ist auf dem Arbeitsmarkt nicht häufig vorhanden, bietet jedoch die unterschiedlichsten Einsatzmöglichkeiten in Projekten bei Versicherern, die mir ein einziger Arbeitgeber nicht unbedingt bieten kann. Da ich nicht mit jedem abgeschlossenen Projekt den Arbeitgeber wechseln kann und will und viel lieber in Projekten arbeite als im so genannten Tagesgeschäft, bin ich seit 2006 als freiberufliche Consultant tätig und kann in den Projekten meiner Auftraggeber immer wieder viel, viel lernen, langweilig ist’s nie."



