25.09.09
Kolumne E-Learninglish (49)
Teil 49: „regula falsi“
Regula falsi? Noch nie gehört? Sofern Sie weder Mathematiker/in noch Philosoph/in sind, ist das keine Schande. Regula falsi ist auch kein offizieller E-Learning-Begriff. Er sollte meiner Meinung nach aber unbedingt einer werden, obwohl ihm dafür ein paar grundlegende Kriterien fehlen. So handelt es sich dabei zum Beispiel nicht um eine schicke anglophone Wortschöpfung oder Abkürzung.
Und trotzdem: Für alles was einfach jeder tut, gibt es früher oder später eine eigene Bezeichnung, auch wenn es manchmal sehr lange dauert. Wir Männer ziehen zum Beispiel seit Jahrtausenden bei der Begegnung mit attraktiven Frauen unwillkürlich den Bauch ein und reden relativ viel Unsinn. Erst neuerdings gibt es dafür auch eine schöne englische Bezeichnung – Posing.
Ebenso traditionell - wenn auch weniger alt - ist ein Verhalten bei der Einführung von E-Learning, das die Bezeichnung Regula-Falsi-Methode mehr als verdient hätte. Sowohl in der Mathematik als auch in der Philosophie sieht die Regula-Falsi-Methode (stark vereinfacht) folgendermaßen aus: Man arbeitet mit einer vagen Vorstellung von dem was man haben will und nähert sich über wiederholte Fehlversuche der richtigen Lösung an.
Ich hoffe, dass sich bei möglichst wenigen Lesern, die eine E-Learning-Einführung im Unternehmen hinter sich haben, jetzt ein Déjà-Vu-Gefühl einstellt. Denn leider wird immer noch häufig nach dieser „Methode“ vorgegangen.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Oftmals will man mit der Einführung von E-Learning Präsenzunterricht ersetzen. Vermeintlich folgerichtig legt man sich ein Lernprogramm zu, welches das betroffene Thema inhaltlich abdeckt, stellt es den Probanden (oder besser „Delinquenten“?) zur Verfügung und lehnt sich zurück.
HALLO? Wie soll das denn funktionieren? Das ist so als würden Schüler beim Betreten des Klassenzimmers keinen Lehrer sondern stattdessen einen fertigen Tafelanschrieb vorfinden – nur ein Bisschen multimedialer.
Es gibt – anders als in der Mathematik oder der Philosophie – im E-Learning keinen Grund nach der „regula falsi“ vorzugehen. Schließlich gibt es schon zahlreiche E-Learning- und Blended-Learning-Konzepte die äußerst erfolgreich angewendet werden. Manchmal hilft es schon jemanden zu fragen der sich damit auskennt.
Übrigens: Die Mathematiker kennen bei diesem Verfahren die richtige Lösung noch nicht. Aber sie wissen welche sich garantiert als falsch erweisen wird.
Christian Fendl
Deutsche Versicherungsakademie (DVA)


